Hier steigt sonst nie jemand ein – Busse und Bahnen im Kreis Höxter

Die GRÜNE Fraktion im Kreistag Höxter möchte mit dem Öffentlichen Personennahverkehr (ÖPNV) zu ihrer Fraktionssitzung zur Abtei Marienmünster fahren. So lautet jedenfalls der Plan – Öffentlicher Nahverkehr im ländlichen Raum – eine Challenge

Losgehen soll es laut Auskunft unter www.westfalenfahrplan.de um 15:04 Uhr ab Brakel Bahnhof mit Umstieg in Nieheim -Siedlung und Steinheim-Rolfzen. Zur Sicherheit sind alle schon um 14:45 Uhr da. Das ist auch gut so: Wir suchen zunächst mal die Bushaltestelle, von der unser Bus losfährt.

Der „Westfalenfahrplan“ schlägt einen Fußweg zur Haltestelle „Schulzentrum“ vor – dauert 1 Minute und dürfte keine Schwierigkeiten bereiten. Tut es aber doch. An der Haltestelle Schulzentrum steht ein Bus im Pausenmodus. Der freundliche Busfahrer rät uns, doch besser auf der anderen Straßenseite an der Haltestelle Bahnhof einzusteigen „Der Bus startet von drüben. Der hält dann nicht immer noch mal auf dieser Straßenseite.“ Aha, gut das dass mal gesagt wird.

Abb.1 Mal hin, mal her, das Ganze nennt man Nahverkehr

Auch Roswitha Eggert, die uns begleitet, hat diese Erfahrung samt Sprint hinter dem Bus her schon gemacht. Wir wechseln wieder die Straßenseite. Für Rollstuhlfahrer ist der Überweg an der Fußgängerampel eine kleine Herausforderung, denn der Niederbordstein ist doch etwas hoch.

Dort an der jetzt richtigen Haltestelle „Bahnhof“ stehen schon viele Schülerinnen und Schüler herum und beäugen uns lässig. Außerirdische können nicht auffälliger sein, als ein Trüppchen der Schule deutlich entwachsener Menschen an einer Bushaltestelle.

Der Bus mit dem netten Fahrer von der Straßenseite gegenüber kommt rübergefahren und hält direkt bei uns. Warum wir denn nicht direkt nach Vörden fahren? Tja, weil der Westfalenfahrplan uns diese Route mit zweimal umsteigen allen Ernstes empfohlen hat. Wir sind ja neugierig und wollen erfahren, was so an Abenteuern auf den Straßen des ländlichen Raumes lauert.

Abb.2 Das ist die Route, die uns die, die uns der www.westfalenfahrplan.de vorgeschlagen hat.

Inzwischen kommen die Schülerinnen und Schüler von der Haltestelle weiter vorn angetrabt. Ihr Bus steht heute nicht wie gewohnt vorn, sondern direkt vor den komischen Erwachsenen, die mit dem Bus fahren wollen. Der Busfahrer schließt die Tür und fährt zur Haltestelle ganz vorn. Die jungen Leute stöhnen ergeben. Wir erfahren, dass die Busse in der Reihenfolge der Ankunft immer bis nach vorne durchfahren. Wers kennt, der weiß Bescheid.

Ein zweiter Bus kommt, ein Dritter kommt – und der fährt nach Nieheim, hat die Nummer R81 und ist unser Bus. Wir brauchen Fahrkarten. Der „Westfalenfahrplan“ hatte einen Preis pro Kopf von 19,80€ angedroht. Der Busfahrer findet den Code für die Haltestelle Marienmünster Abtei und der Fahrkartendrucker spuckt Fahrkarten für 3,80€ aus. Das ist annehmbar: Fahrzeit immerhin 90 Minuten nach Plan!

Es geht los! Der Bus ist fast so alt, wie wir. Aber er fährt, hat sogar ein wenig Klimaanlage und WLAN.

Abb. 3 Eigentlich sollten alle Busse im Hochstift mit WLAN ausgerüstet sein. So klar erkennbar ist das aber nur in den neueren Fahrzeugen.

Wir hören und erzählen Geschichten aus dem ÖPNV. Eine Bilderbuchlandschaft im Sonnenschein fliegt vorbei, die Stimmung ist gut!

Wir nähern uns Nieheim. Die DB-App schlägt vor, an der Haltestelle „Siedlung“ umzusteigen. Der Busfahrer hat uns als unerfahren auf dieser Strecke erkannt und warnt uns vor unüberlegter Handlungsweise: Wir sollen besser am ZOB (Zentraler Omnibusbahnhof) umsteigen. Wir entscheiden uns sofort, dem analogen Ratgeber zu vertrauen, und stehen nach wenigen Augenblicken vor drei Bushaltestellen mit dichtgedrängten Schülerinnen und Schülern, das ist der Zentrale Omnibusbahnhof (ZOB) Nieheim.

Am ZOB Nieheim gibt es eine digitale Anzeige. Wir wollen nach Steinheim-Rolfzen, denn dort sollen wir umsteigen, sagt unser „Westfalenfahrplan“. Wo fährt denn nun dieser Bus ab?

Abb.4 Die Anzeigetafel zeigt Uhrzeit und Zielort an. Aber von welchem Bussteig fährt welcher Bus? Da helfen auch die Apps nicht weiter…

Längst tun sich Unterschiede zwischen unserem Plan und der Wirklichkeit auf. Ein junges Mädchen liest uns unsere Fragen von der Stirn ab und greift ein: Wo wollt Ihr denn hin? Nach Marienmünster? Abtei? Nö, sie weiß nicht was und wo das ist. Aber sie weiß sich – und uns – zu helfen! Da gibt es einen Bus nach Marienmünster-Vörden, sie lotst uns dahin und verhandelt routiniert mit dem Busfahrer. Der erklärt, dass sein Bus uns weiterhilft, wir sollen einsteigen, er will uns zum ZOB Marienmünster-Vörden bringen. Von dort fährt ein Bus zur Abtei – und wenn nicht, sind es nur ein paar Minuten zu Fuß.

Wir steigen ein. Der Bus ist rappelvoll, Schülerinnen und Schüler. Wir kommen ins Gespräch: Der Bus ist immer so voll, morgens auf dem Weg zur Schule ist er sogar noch voller. Wir sehen uns an – wie soll das gehen? Wir sind groß und können uns an den Halteschlaufen unter der Decke festhalten. Die Kiddis müssten schon Räuberleiter machen, um da dran zu kommen. „Wäre schön wenn wenigstens morgens ein Bus mehr fahren könnte“, meint unser neuer Freund. Das sehen wir auch so! Er fährt morgens eine Stunde und nachmittags nochmal eine Stunde, meistens im Stehen.

Abb.5 Wie sich Schulkinder an den Schlaufen und Stangen oben an der Decke festhalten sollen, bleibt das wohl gehütete Geheimnis der Buskonstrukteure.

Aber der Bus ist angenehm temperiert, Schülerinnen und Schüler steigen aus, es wird leerer, wir können uns setzen. Und schon sind wir am Zentraler Omnibusbahnhof Marienmünster-Vörden: immerhin 4 Bussteige. Der Bus zur Abtei fährt in einer knappen Stunde – aha.

Wir entscheiden uns, zu laufen. Das Wetter ist heute gut. Haben Ortskundige und Einheimische dabei, so finden wir einen schönen Weg. Vorbei am jüdischen Friedhof, der idyllisch und friedlich in der Sonne schläft. Vorbei an einem kleinen Stausee mit Libellen, am Prozessionsweg entlang. Dann übern Radweg bis zur Abtei. Als wir ankommen, fährt laut Plan gerade unser Bus vom ZOB Marienmünster-Vörden ab.

Abb.6 Okay, wir hätten dieses Plätzchen mit funktionierendem Busanschluss niemals gefunden. Die Verkehrsplaner sind doch sehr weitsichtig…

Egal, wir sind angekommen, gut 90 Minuten nach unserem Start und nach knapp 3 Kilometern Fußmarsch.

Nun erstmal im Klosterkrug eine kleine Stärkung und dann Manöverkritik:

Man muss sich schon auskennen oder schnell Freundschaften schließen können, sonst hat man keine Chance im ÖPNV. Für Ortsfremde sind die bereitgestellten Informationen viel zu unübersichtlich. In den Bussen selbst fehlen Infos über Fahrtroute und mögliche Anschlüsse.

Die verschiedenen Apps und Internet-Auskünfte widersprechen sich gerne mal. Und der Busfahrer hat ja auch seinen eigenen Vorschlag. Irritationen sind vorprogrammiert und schnelle Entscheidungsfreude ist gefragt.

Besser wären verlässliche Anzeigen im Bus, die dem Fahrgast die Sicherheit geben, jederzeit zu wissen, dass er im richtigen Bus ist und dass der richtige Anschluss an der richtigen Haltestelle erreicht wird.

Für Rollstuhlfahrer und Sehbehinderte wird es noch schwieriger: Der Knopf mit dem Rollstuhlsymbol an den Türen dient nur dazu, den Busfahrer herbeizurufen, der dann mit der Hand eine Bodenklappe umklappen muss (hoffentlich mit einem Handschuh), um Rollifahrer ein- und aussteigen zu lassen.

Für Sehbehinderte gibt es an den meisten Haltestellen taktile Hilfen, also Rillen im Boden, die zeigen, wo der Bus hält. Also, wo irgendein Bus hält, nicht unbedingt der Bus, mit dem man fahren will. Auch hier ist ohne freundliche Mitreisende die eine oder andere Katastrophe vorgeplant.

Wir sind ja „nur“ innerhalb unseres eigenen Verkehrsverbandes unterwegs – und fragen uns, wie der Nahverkehr funktioniert, wenn Grenzen zu anderen Verbänden überschritten werden müssen. Auch hier hören wir von Fußmärschen …

Wir treten die Rückfahrt über Höxter an. Los geht’s ab Haltestelle „Abtei“. Die ist zwar rollstuhlfreundlich ausgebaut, aber total zugeparkt. Anderswo sind freie Stellen, an denen Autos stehen könnten, aber nicht stehen. Anders die Bushaltestelle: Sie scheint die Autos oder ihre Fahrer magisch anzuziehen. Wir schätzen die Straßenbreite ab, der Bus müsste durchkommen. Wir sehen den Bus auf der Bundesstraße kommen, wir winken, der Bus fährt vorbei.

Abb. 7 Die Haltestelle „Abtei“ zieht magisch an, leider vor allem PKW, der Bus fuhr auf der Straße im Hintergrund an uns vorbei.

Und nun? Wir greifen zum Telefon. Kein Netz! Aber auch keine Telefonnummer an der Haltestelle, an die man sich in diesem Falle wenden könnte. Ratlosigkeit.

Da kommt der Bus zurück, zieht eine elegante Schleife und nähert sich der zugeparkten Haltestelle. Passt er durch? Der Busfahrer zeigt sich der Situation gewachsen und steuert ungerührt durch die Engstelle. Wir steigen neben der Haltestelle ein. Gut das kein Rollifahrer dabei ist.

„Sorry“ sagt der Busfahrer, und „hier steigt sonst nie jemand ein!“ Den Eindruck haben wir auch.

Nach vier Minuten sind wir wieder am ZOB Marienmünster-Vörden. Dort steht schon der Bus nach Höxter, vorne wird Dienstfahrt angezeigt. Wir steigen trotzdem ein, schließlich sind wir ja auch irgendwie auf „Dienstfahrt“. Sehr modernes Busexemplar mit Anzeige, Klimaanlage und kommunikativer Sitzanordnung. Der Bus kommt leicht verspätet (18:13 Uhr statt 18:07 Uhr am Haltepunkt Höxter-Rathaus an. Wir verpassen deshalb unseren Anschlusszug um drei Minuten. Der nächste Zug fährt in einer Stunde. Wir wundern uns schon nicht mehr.

Abb.8 Ärgerlich für Fahrgäste: zwei Uhren am Bahnhof, jede mit eigener Uhrzeit. Unser Zug hat sich nach der Uhr im Hintergrund gerichtet.

Die Zeit nutzen wir für Erfrischungen im Biergarten. Und zur Manöverkritik Nr. 2: Die geplanten Verbindungen und Umstiege haben gar nicht geklappt. Fahrgäste haben nicht die erforderliche Sicherheit, an wichtigen Verknüpfungspunkten Bus- und Zuganschlüsse zu bekommen. Eine Stunde Wartezeit oder ein entsprechender Fußmarsch auf der Hinfahrt, verpasster Anschluss und noch einen Stunde Wartezeit auf der Rückfahrt, das ist alles andere als attraktiv.

Dann geht es zurück zum Bahnhof Höxter. Die beiden Uhren dort zeigen unterschiedliche Zeiten an. Doch die Nord-West-Bahn ist im Plan. Komfortabel geht es zurück nach Brakel, Ankunft 19:33 Uhr.

Unser Fazit:

Schlechte Verbindungen, die man nicht nutzt, weil sie nicht funktionieren produzieren sinkende Fahrgastzahlen. Die sind dann die Begründung für eine weitere Ausdünnung des ÖPNV. Das ist ein Teufelskreis, der dringend durchbrochen werden muss. Attraktivität geht anders!

Diese Aufgabe kann der Nahverkehrsverband Paderborn-Höxter (nph) nicht allein schultern. Die Städte und Gemeinden müssen sich einmischen. Warum sollten die Bürgermeister und Entscheidungsträger nicht mal dienstlich mit dem Bus unterwegs sein? Schwachstellen wären sicher schnell identifiziert.

Die GRÜNEN in den Kreisen Höxter und Paderborn halten folgende Mindestbedienstandards für den Öffentlichen Personennahverkehr im gesamten Hochstift für notwendig:

  1. Alle Orte in den Kreisen Höxter und Paderborn müssen mindestens in einem 1-Stunden-Takt in jeder Haupt-Richtung mit Bussen und Bahnen bedient werden.
  2. Das Angebot muss sich bis in die Abendstunden erstrecken und auch Alternativen bieten, sollte das planmäßige Angebot einmal ausfallen (Mobilitätsgarantie).
  3. Auf regionalen Hauptachsen im ländlichen Raum brauchen wir Taktdichten von mindestens 30 Minuten. Im urbanen Raum kann es kürzere Taktdichten geben, Wirtschaftlichkeit vorausgesetzt.
  4. In Orten bzw. Siedlungsgebieten mit weniger als 500 Einwohnern sowie in Schwachlastzeiten können die Fahrten auch durch alternative Bedienformen (z.B. Rufbus) bedient werden.
  5. Siedlungsgebiete mit weniger als 200 Einwohnern können von den Mindestbedienstandards ausgenommen werden.
  6. Die Bus- und Bahnverbindungen in den Kreisen Paderborn und Höxter werden in einen künftigen Deutschlandtakt integriert. Beim Umstieg in den Fernverkehr werden Anschlusszeiten von maximal 20 Minuten garantiert.

Diese Forderungen liegen zur Prüfung auf verkehrliche, organisatorische und finanzielle Auswirkungen aktuell beim nph auf dem Tisch.

Wir müssen den Teufelskreis aus schlechtem Angebot, welches nur wenige Fahrgäste überzeugt und daraus folgender weiterer Ausdünnung des Angebots endlich mutig durchbrechen!

 

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